Zurück aus dem Krieg in die "Normalität"

Am Karfreitag wurde unter Geschützdonner und Kettengerassel unzählig erscheinender Panzer Gottesdienst gehalten. Amerikanische Soldaten überfluteten die Stadt, drangen in die Häuser ein und machten auch nicht Halt vor der Kirche, in der sie jeden Winkel nach Waffen Munition und versprengten deutschen Soldaten durchsuchten.
Für Menschen, die diesen Karfreitag erlebten, wird dieser Tag unvergessen bleiben. Das "Tausendjährige Reich" lag in Schutt und Asche. Die Überlebenden dieses furchtbaren Krieges konnten sich nur mühsam zurecht finden. Sie wußten nicht, wie ihnen geschah; sie konnten wieder schlafen ohne wieder und wieder von den Sirenen aufgeschreckt zu werden. Sie lebten!
Viele Familien warteten voller Sorge und Hoffnung auf die Rückkehr ihrer Männer aus der Kriegsgefangenschaft, ihrer Kinder aus der Kinderlandverschickung, ihrer Frauen aus der Evakuierung und ihrer Töchter aus dem Kriegsdienst. Der Wille zum Leben gab schließlich den Menschen die Kraft nicht aufzugeben.

Sie versuchten das "Unmögliche möglich" zu machen; nämlich Ordnung zu bringen in die Wohnungen, in die Straßen und in die Kirche, in der schon am Weißen Sonntag 32 Kinder die Erstkommunion erlebten. Es war rührend, wie die Gläubigen für diesen Tag alles daran setzten, die Kirche wieder begehbar zu machen und sogar auszuschmücken.
Mit bewegenden Worten dankte Pastor Awick den Gemeindemitgliedern für ihre Treue zur Kirche, die sie so oft unter Beweis gestellt hatten.

In der Kirche fand man bald zurück zum gewohnten Jahresablauf. Schon bald wurde der Religionsunterricht, der während der letzten Jahre nicht mehr in den Schulen erteilt werden durfte, wieder aufgenommen. Die aus den Schulen verbannten Kruzifixw wurden deierlich wieder an ihren alten Platz gebracht.

Am 16.3.1946 wurde der von allen so sehr verehrte Bischof Clemens August in den Kardinalstand erhoben. Noch voller Freude über die Ehrung traf 6 Tage später die Nachricht von seinem Tod ein.
Viele Jugendliche des Dekanates gaben ihm das Geleit auf dem Weg zur Begräbnisstätte in Münster,

Immer wieder war es die Jugend, die die Initiative ergriff und die Erwachsenen mit ihrem Elan mitriss. Im Osterfelder Stadtwald feierten sie unter großer Beteiligung eine Gemeinschaftsmesse. Der Arbeiter- und Knappenverein beging sein Stiftungsfest und die Spielschar hatte aus diesem Anlass ein Theaterstück einstudiert und brachte dieses zur Freude aller zur Aufführung.

Der Elisabethverein hatte seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Der Mütterverein kümmerte sich mit rührender Sorgfalt um die Mitglieder mit ihren Familien. Die Fronleichnamsprozession wurde wieder ausgerichtet. Doch alle Aktivitäten konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Not noch lange nicht zu Ende war.
Der Kampf um das tägliche Brot begann erst richtig nach dem Krieg, als die zugeteilten Pro-Kopf-Rationen immer magerer ausfielen und lange nicht ausreichten den Hunger der ausgemergelten Menschen zu stillen. Auf den Bahnhöfen trafen die ersten Kriegsheimkehrer ein, gezeichnet vom Leid der letzten Jahre.

Es begann die große Hamsterwelle. Eine Fahrt mit dem Zug, zumeist handelte es sich um mit Kohlen beladene Güterzüge, war eine Strapaze. Die Menschen kletterten auf die beladenen Waggons, in ihren Taschen sogenannte Tauschwaren. Es ging die Mär, daß die Bauern der näheren und weiteren Umgebung Lebensmittel eintauschten gegen Silberbestecke, Familienschmuck, Wäsche, Schnaps usw. Sollte es etwa stimmen, daß bereits in den Kuhställen dicke Perserteppiche ausgelegt waren?
Der Kölner Kardinal Frings hatte das nach ihm benannte "fringsen" salonfähig gemacht. Es ging ja wohl auch nicht an, daß die Menschen im Ruhrgebiet auf den Kohlen "saßen" und im kalten Winter 1946 erfrieren sollten. Tag und Nacht rollten die Güterzüge und brachten Reparationsgüter wie Kohlen, Maschinen, demontierte Fabrikanlagen usw. gen Westen. Die Sieger des Krieges, so schien es, hatten beschlossen, die Deutschen auszuhungern. Doch merkten sie schon bald, daß die Männer und Frauen lebendig wertvoller waren, als tot.

Schließlich kam 1948 der Tag der großen Währungsreform, an dem jede Person DM 60,-- als sogenanntes Kopfgeld bekam. Die Auszahlung wurde am Sonntag, den 20.6.1948 vorgenommen und schon am Montagmorgen quollen die Geschäfte über von reichlichem Warenangebot. Es gab alles in Hülle und Fülle zu kaufen.
Vorbei war die Zeit des Schwarzhandels. Niemand mußte mehr 800,-- RM oder mehr für ein paar Schuhe oder etwa 200,-- RM für ein Paar Seidenstrümpfe hinblättern. Niemand mußte mehr das trockene Maisbrot  hinunterwürgen. Der Fleischer fragte, ob es etwas mehr sein dürfe.
Langsam kamen die Menschen wieder zu Kräften und setzten ihre ganze Energie ein, ihre Wohnungen wieder wohnlich zu machen. Das Leben war wieder lebenswert.

In der Kirche wurden die größten Schäden beseitigt. Die Fenster wurden erneuert, der Turm wurde restauriert. Das Kirchendach wurde neu eingedeckt. Die Turmuhr bekam ein neues Zifferblatt und wurde wieder in Gang gesetzt. Die Orgel wurde überholt und Herr Welker feierte mit gewohntem Schwung sein silbernes Dienstjubiläum. Die Männer hielten einen Einkehrtag. Der Mütterverein unter dem Vorsitz von Frau Sutmann macht eine Wallfahrt nach Kevelaer, an der 600 Frauen teilnahmen.

Das Weihnachtsfest wurde von allen Gläubigen in der Kirche mit größter Dankbarkeit gefeiert. Die Kirche konnte nicht alle Menschen, die zu ihr kamen, fassen. Obwohl bis 12 Uhr eine Messe nach der anderen gefeiert wurde. Schon früh um 5 Uhr begann die Christmette, zu der die Menschen durch Kälte und dicken Schnee stapften um dann bis gegen 7 Uhr nach den 3 ersten hl. Messen in der Kirche zu bleiben. Sie wurden abgelöst von den Kirchenbesuchern, die dann während der 3 nächsten hl. Messen in der Kirche blieben.
Der Chor, begleitet und geführt von Herrn Welker, sang und spielte wie nie zuvor. Auf dem Heimweg wünschten sich alle ein gesegnetes Weihnachtsfest und mit großen Schritten ging es nach Hause in die warme Stube, wo es schon bald nach Kaffee und Plätzchen duftete.

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