Firmvorbereitung auf dem Rad – ON THE WAY

Schon die Reflexion der Firmvorbereitung des Vorjahres verursacht bei so manchem Verantwortlichen Schweißausbrüche und einen leichten Schwindel. Denn es scheint sich doch immer das Gleiche in einer Endlosschleife zu ereignen: Die Jugendlichen sitzen desinteressiert und wortlos da, egal wie sehr man sich abmüht und zu welchen Methoden man auch greift. Selbst die mit viel pädagogischem Geschick aufbereiteten Inhalte und Impulse führen nur selten zu angeregten Diskussionen und werden häufig mit dem „Du-kannst-mich-nicht-aus-der-Reserve-locken-Blick“ quittiert. Und das Jahr für Jahr.

Das sorgfältige Studium der Trends und Tendenzen bei Jugendlichen machte uns nachdenklich. Denn die Lebensdevisen der Jugend heute scheinen im krassen Gegensatz zum klassischen katechetischen Vorgehen zu stehen: „Niemand hat Dir vorzuschreiben, wie Du leben sollst. Finde selbst heraus, wer Du bist und was zu dir passt. Führe kein Leben aus zweiter Hand! Du bist der Hauptdarsteller und Regisseur deines Lebens!“ Selbstbestimmung, Individualität, autonomes Entscheiden und die selbstverständliche Annahme der eigenen Deutungskompetenz – auch und vielleicht vor allem - in religiösen Dingen – werden ebenso selbstverständlich wie schweigend eingefordert und beansprucht. Und bitte: Komm mir nicht mit dauerhaften Zugehörigkeiten, ständigen Verpflichtungen oder gar bindenden Mitgliedschaften! Jeder Versuch, sich bei den Jugendlichen mit dogmatischen Argumentationen, katechetischen Belehrungen in der Weise eines monologischen Antwortgebens, Gehör zu verschaffen, scheint ins Leere zu laufen. Es scheint, dass sie gegen die traditionelle Art der Verkündigung ewiger Wahrheiten oder moralischer Appelle immun, wenn nicht allergisch sind. Gleichzeitig aber wird nach sinnhaften Haltegriffen Ausschau gehalten, aber bitte im Modus des „lass mich das entscheiden!“ Ohne religiöse Gängelei und Bekenntnisbevormundung jeglicher Art. Eigene Erfahrungsgsmöglichkeiten, Räume, sich selbst auf die Spur zu kommen und zwar unter freiem Himmel – am besten noch mit der Möglichkeit der begleiteten, beziehungsbasierten Selbstreflexion werden dagegen gerne angenommen. Was also tun? Was ist das passende Lernsetting bei den beschriebenen Phänomenen? Wir wollten aus der Endlosschleife der starren Wissensvermittlung ausstiegen und anderes versuchen.

Also mal was Neues - eine Firmvorbereitung mal anders. Das war unser Plan. Der passende Modus war auch schnell gefunden. Denn der Erfolg der vielen Pilgerwege brachte uns auf die Idee, es einfach „On-the-way“ zu versuchen. Und zwar auf dem Fahrrad. Auf dem RuhrtalRadweg. Von der Quelle der Ruhr in Winterberg nach Duisburg zur Mündung der Ruhr in den Rhein. Los ging es so richtig im Januar 2017. Es folgten viele Abende Planungsrunden über Inhalte und unseren tatsächlichen Weg. Zahllose Telefonate und Emails.

Natur pur. Faszinierende Landschaften. Sportliche Bewegung auf zwei Rädern. Abfahrten, aber leider auch viele Anstiege. Sehr viele Anstiege. Zeit für sich und die eigenen Gedanken. Also auch so eine Art Wallfahrt und Pilgerreise.

Einst nannte man die Christen die „Anhänger des neuen Weges“. In uns steckt eine zutiefst menschliche Sehnsucht, uns in Be-weg-ung zu setzen. Der Ruhrtalweg, von der Quelle zur Mündung der Ruhr dient als eine Grundfolie und Metapher: Wie soll mein Weg werden, wo gehe ich überhaupt hin? Und natürlich auch: Wo kommt Gott mir dabei entgegen? Dies zu erfahren, sich immer wieder mit den Worten der Bibel zu konfrontieren und dabei ein tieferes Verständnis von dem jeweiligen persönlichen Weg zu entdecken, steht im Mittelpunkt der Konzeption.

Und dann war es endlich soweit. 16 Jugendliche hatten den Mut und den Willen 230 Kilometer in 5 Tagen auf dem Fahrrad von der Ruhrquelle auf 674 Meter Höhe zurück in die Heimat zu radeln. Für alle tatsächlich etwas gänzlich Neues.

Am Sonntag, den 20. August wurden die Fahrräder nebst Gepäck in das Begleitfahrzeug geladen und am folgenden Montag ging es per Bahn von Oberhausen nach Winterberg. Dort angekommen wurden die Fahrräder übernommen und es wartete der erste Anstieg rauf zur Ruhrquelle. Dort war es erfreulicherweise touristisch sehr ruhig, so dass wir direkt an der Quelle mit der ersten gemeinsamen thematischen Runde starten konnten.

Im Mittelpunkt stand die biblische Geschichte „So wurde der Mensch“ aus Genesis 2,7. Auf der Suche nach dem wahren Ich – mein Weg, mein Auftrag, meine Talente.

Die Tagesetappe führte uns durch wilde Abfahrten, aber auch immer wieder heftige Anstiege nach Meschede zur Abtei Königsmünster. Pater Abraham zeigte uns einige Bilder und erzählte uns viel aus seinem Klosterleben und gab einige Tipps und Ratschläge für unsere Suche nach unserem Weg. Wir konnten das abendliche Komplet der Missionsbenediktiner in der Klosterkirche miterleben und hatten einen schönen Grillabend. Der Morgen startete mit einem ruhigen Impuls bei Kerzenschein und Stille und einem schönen Lied von der irischen Sängerin Enya.

Weiter ging es in Richtung Günne am Möhnesee unter dem Motto „Und er machte sich auf“ aus Genesis 12. Ich auf dem Weg? Warum und vor allem wohin? Meine Ziele? Wie sieht mein Weg aus? Wo erfahre ich Segen? Wo bin ich Segen?

Auf dieser Etappe stellten wir uns den ersten Herausforderungen unserer Fahrradweg-Navigation, denn erstmalig mussten wir den RuhrtalRadweg verlassen und die Auffahrt zum Möhnesee angehen. Wir fanden auch tatsächlich Abkürzungen, die sich jedoch im Nachhinein als Cross-Wanderwege für ambitionierte Kletterer herausstellten und bei uns für Outdoor-Feeling sorgten. Angekommen sind wir dann tatsächlich alle am KAB-Heinrich-Lübke-Bildungshaus und konnten nach einem opulenten Abendessen das dortige Hallenschwimmbad antesten. Der abendliche Ausklang fand bei Gitarrenmusik und Tischtennisspiel in der gemütlichen Kellerhude statt.

Am nächsten Morgen freuten sich alle auf die anstehende Abfahrt zur Ruhr und die Weiterfahrt nach Wetter zur – was wir da noch nicht wussten – sehr hoch liegenden Gemeinde St. Augustinus und Monika. Auch wussten wir damals nicht, dass wir eine Strecke von ca. 80 km vor uns hatten. Den Abkürzungen sei Dank!

Dieser Tag stand unter der Berufung des Propheten Samuel aus Sam 3, 1-10. Ausbruch und Aufbruch: Der Ruf – an mich? Was ist meine Berufung? Mein innerer Weg und seine typischen Marksteine. „Eigentlich bin ich ganz anders…“ Was muss ich wagen? Wo muss ich ausbrechen und: Wer geht mit mir?

Viele Fragen. Schwierige Antworten. Aber auch heute hatten wir wieder schönes Wetter. Kein Regen. Immer wieder kam die Sonne durch. Eine schöne Strecke, die uns jedoch – wie bereits gesagt – bedingt durch einige Baustellen auf dem RuhrtalRadweg zwang, neue Strecken zu finden. Der Aufstieg am Ende zur Gemeinde war dann nur noch schiebend zu Fuß zu schaffen, so dass alle sehr geschafft sich wieder auf einen schönen Grillabend freuten. Auch hier hatten wir sehr viel Spaß und der ein oder andere war auch etwas später auf der Isomatte im Schlafsack.

Der 4. Tag sollte uns nach Essen-Heisingen zur dortigen Gemeinde St. Georg führen. Das die biblische Emmaus-Erzählung „Jesus selbst kam hinzu und ging mit ihnen“ nach Lukas 24, 13-35 heute eine nachhaltige und sehr spürsame Bedeutung erlangte, wusste bei der Abfahrt noch niemand. Die Abfahrt zur Ruhr war mal wieder sehr schnell geschafft und weiter ging es in Richtung Witten. Dort wechselten wir unser Fortbewegungsmittel und starteten in 4er-Kajak-Kanus mit einem Paddel auf der Ruhr. Alles war sehr wackelig und neuartig und auch die Strömungen zwangen uns zu einigen Manövern, um das Kajakboot in die gewünschte Richtung zu halten.

Leider hatten wir in Witten-Herbede ein Kanu-Unfall in der Rutsche neben der Schleuse. Drei Jugendliche kenterten und erlitten Verletzungen der Arme und Beine und mussten im Krankenhaus ärztlich versorgt werden. Glücklicherweise ist jedoch nichts Schlimmeres passiert, so dass alle abends wieder bei Pizza und Pasta in Essen-Heisingen zusammen den Abend verbringen konnten. Die Kanutour haben wir natürlich abgebrochen und haben mit privaten Pkws den Zielort erreicht.

Aber was bleibt nach einem derartigen tragischen Unfall? Die Jugendlichen waren alle zutiefst getroffen und betroffen. Einige auch geschockt, wie schnell etwas nicht wie geplant, funktionieren kann und plötzlich Dinge passieren, die unerwartet heftige Folgen haben könnten. Die Gruppe hat vorbildlich reagiert. Jeder hatte eine Aufgabe und alle halfen, wo sie nur konnten. Es wurden Rettungswege gebaut, um eine Zuwegung zu ermöglichen. Umherschwimmende Sachen aus dem gekenterten Boot wurden aus der Ruhr gefischt und natürlich waren einige ganz nah bei den am Boden liegenden verletzten Jugendlichen und sprachen Trost, gaben Wärme durch die Weitergabe von eigenen Jacken und T-Shirts. Das hat die gesamte Gruppe sehr zusammen geschweißt. Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Auch war sicherlich Jesus bei uns und mindestens drei Schutzengel. Sonst wäre noch mehr passiert. Nicht auszudenken, was auf der ca. 25 Meter langen Betonrutsche mit hoch stehenden Betonsockeln und zahllosen herausstehenden Schrauben im Wasser unter einem umgedrehten Kanu-Boot hätte alles passieren können….

Der fünfte und letzte Tag sollte uns zum Ziel, der Mündung der Ruhr in den Rhein an der Rheinorange führen. Zwar eine eher kurze Strecke, jedoch wollten wir von dort aus ja auch noch nach Hause radeln. Also doch wieder ca. 65 km Wegstrecke.

Den Tag hatten wir unter einem himmlischen „You’ll never walk alone“ nach Johannes 14-19 gestellt. Der Heilige Geist und ich unterwegs. Meine Freiheit, meine Chancen. „Hör auf die Stimme!“?

Wir konnten an der imposanten 25 Meter hohen Landmarke der Rheinorgange in viele glückliche und erleichterte Gesichter schauen. Endlich da. Am Ziel. Geschafft. Auch da haben sich alle drei verletzten Jugendlichen noch hingeschleppt und waren so in der abschließenden gemeinsamen Runde mit dabei. Die Jugendlichen segneten sich gegenseitig und übergaben sich Segenskreuze. Eine fröhliche Stimmung gab Kraft für die letzten Kilometer bis nach Hause.

Der sportliche Teil war für einige von uns eine echte Herausforderung. Wir waren aber alle sehr „ON THE WAY“ – in der Natur unterwegs. Wir hatten eine schöne gemeinsame Zeit mit vielen Erlebnissen und guten Gespräche. Inspiration über die eigene Identität, den Lebenssinn und den jeweiligen eigenen Weg. Eine spirituelle Reise als Konzept der Suche ins eigene Ich. Dabei sind wir aber immer wieder Gott begegnet. Gute Weggefährten, wohltuende Worte, wunderschöne Wälder, sympathische Gastgeber, Schutzengel und Kirchenräume. Alles im allen, tatsächlich mal eine komplett andere Vorbereitung auf die Firmung. Wir alle sind zusammen gewachsen und werden diese Tour sicherlich nie vergessen. Die Erinnerung lebt.

Roman Blaut und Ralf te Heesen