Die folgenden Ausführungen wurden der Festschrift zum 75-jährigen Bestehen der Gemeinde Herz Jesu-Sterkrade entnommen.

Wie alles begann

Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts bot das Gebiet innerhalb der heutigen Pfarrgrenzen das Bild
einer verträumten Landgemeinde. Die Einwohnerzahl war sehr gering. Die Menschen bearbeiteten ihre Acker
und bestellten ihre Gärten. Gewiß war ihre Arbeit hart, von Technik waren sie nicht umgeben, am Abend
brannte in ihren ,,Stuben" die Petroleumlampe. Man pflegte Nachbarschaft, und jeder kannte jeden: kleinbürgerliches Milieu war das Gepräge jener Zeit. Aber in der Umgebung zeichneten sich schon damals
deutliche Konturen unserer heutigen lndustriegesellschaft ab. Die GHH breitete sich aus, Fabriken entstanden, Bergwerke errichteten ihre Fördertürme. Eine neue Zeit mit Aktiengesellschaften brach sich Bahn. Das Ende der kleinbürgerlichen Gesellschaft war abzusehen.
Diese Phase des gesellschaftlichen Umbruchs ließ sich bald in den Tauf- und Heiratsurkunden aus jener Zeit
ablesen: Sohn des,,Hüttenarbeiters", Tochter des ,,Fabrikarbeiters".

das Pfarrgebiet um 1843
das Pfarrgebiet um 1907

Man schrieb das Jahr 1903, als der Kirchenvorstand St. Clemens am 25. Jan. den Beschluß faßte, infolge der zunehmenden Seelenzahl im nördlichen Teil von Sterkrade eine neue Kirche zu bauen; und zwar eine Kirche ohne Turm für rd. RM 100.000.

Schon im Mai des folgenden Jahres - am 8. Mai 1904 - wurde ein Kirchbauverein gegründet. Es war ein Sonntag, der zugleich auch der Geburtstag unserers Kirchenchores wurde. Lassen wir den Chronisten sprechen:
"Auf Einladung waren am Sonntag, dem 8. Mai 1904, abends 6 Uhr, im Lokale Hermann Bühnen 45 Herren, welche sich als Mitglieder für den zu gründenden Kirchenchor eingezeichnet hatten, erschienen. Der Vorsitz führte der Vorsitzende des Kirchenbauvereins, Herr Wübbels, welcher die Anwesenden mit herzlichen Wort begrüßte. Alsdann wurde in die Beratung der Statuten eingetreten."
Unter anderem ist zu lesen: " Der Verein wird den Namen "Herz Jesu-Kirchenchor zu Sterkrade" führen."
Am 4. Juni 1904 wurde nach Genehmigung durch die bischöfliche Behörde vom Oberpräsidenten eine Hauskollekte bewilligt, und zwar für die Regierungsbezirke Köln, Aachen und Düsseldorf. Aus der Gemeinde stellten sich für die Kollekte 28 Herren zur Verfügung.
Bei Beantragung der Kollekte war den Aufsichtsbehörden das Projekt einer zweischiffigen Kirche vorgelegt und genehmigt worden. nachträglich aber beschloß der Kirchenvorstand, eine dreischiffige Kirche zu bauen. Einem Düsseldorfer Architekten namens Pickel wurde der Auftrag erteilt, das neue Projekt auszuarbeiten. Am 14. Mai 1905 genehmigten der Kirchenvorstand und die Gemeindevertretung die Ausführung des Projektes, das am folgenden Tag der Bischöflichen Behörde und dem örtlichen Bauamt eingesandt wurde.

Der Bauplatz

Die "Platzfrage" hatte eine gewisse Erregung in die Gemeinde gebracht. Vom Kirchbauverein waren 15000 Reichsmark gesammelt und dem Kirchenvorstand zur Verfügung gestellt worden, jedoch unter der Bedingung, daß die Kirche innerhalb des Sammelbezirkes gebaut würde. Dadurch schied das Angebot Baumeister an der Münsterstraße aus. Es lagen noch folgende Angebote vor: Gerschermann, Scholl, Sons, Flesch-Reinersmann und Flesch Georg. Nachdem der Kirchenvorstand die einzelnen Angebote geprüft hatte, nahm er am Nachmittage des 16. Mai eine Ortsbesichtigung vor und entschied sich für das Angebot Georg Fesch an der Poststraße. Georg Flesch stellte für den Kirchbau einschließlich Wege 4 ½ Morgen (10000 m²) zur Verfügung.

Urkunde über den Schenkungsvertrag

Die Erbauer der Kirche

Am 17. Juli 1905 wurden die Offerten für Erd-, Maurer- und Steinhauerarbeiten der zu bauenden Kirche eröffnet. Nach genauer Durchrechnung durch den oben erwähnten Architekten Pickel wurden Erd- und Maurerarbeiten dem Bauunternehmer Küsener übertragen. Die Steinhauerarbeiten wurden an verschiedene Steinmetze vergeben. Am 14. August wurde die Lage der Kirche genau festgelegt und mit der Arbeit begonnen.

Am 20. August wurde in allen Kirchen der Diözese eine Kollekte für den Neubau der Kirche gehalten. Am 1. September wurde die Hauskollekte abgeschlossen, die 24000 Reichsmark erbrachte. Ein Ertrag, der von der Opferbereitschaft der Gemeinde zeugte.

Die Grundsteinlegung der Kirche fand am 15. Oktober statt. Die Benediktion geschah durch den damaligen Pfarrer in Sterkrade: Pfarrer Wilhelm Kraneburg.

Festprogramm zur Grundsteinlegung

Erstes feierliches Hochamt

Freudentag in der Gemeinde: am 6. Oktober 1907 wurde die Kirche durch Dechant Sprenger aus Meiderich benediziert und anschließend wurde das erste feierliche Hochamt mit Predigt gehalten.

Am gleichen Tage fand auch die Einführung des ersten Rektors der Gemeinde statt: Bernhard Mehring.

Am 5. November 1907 wurde der Mütterverein gegründet, und einen Monat später, am 15. Dezember, fand die Gründung der Männer - Solidarität und der Marianischen Jungfrauenkongregation statt.

Die Pfarrgrenzen werden festgelegt

Am 22. März 1908 beschloß der Kirchenvorstand von St. Clemens zur Abpfarrung des Herz Jesu - Bezirkes folgendes: die Grenzen sollen sein,

  • im Osten der Reinersbach bis zur Westfälischen Straße und die Achse der letzteren bis zum Alsbach,
  • dann der Alsbach bis zur Kronprinzstraße (die heutige Erzbergerstraße),
  • dann die Achse der letzteren in nördlicher Richtung, weiter nördlich der Königliche Wald bis zum Handbach,
  • im Westen der Handbach bis zum Bahnkörper Wesel - Köln,
  • im Süden dieser Bahnkörper bis zum Alsbach,
  • dann wieder der Alsbach bis zur Straße, die projektiert war vom Gehöft Schulte - Westhoff (die heutige Westhoff - Siedlung oder Westhoffs - Feld) bis zum Treffpunkt der Holten - Weselstraße,
  • die Achse dieser Straße, ferner die Achse der Holtenstraße bis zum Reinersbach.

Ferner beschloß der Kirchenvorstand von St. Clemens, der neuen Herz Jesu - Gemeinde ein Recht zur Mitbenutzung des neuen Friedhofes an der Wittestraße einzuräumen. Die Erträgnisse an Erbbegräbnissen, die noch verkauft werden sollen zu 2/3 der alten Pfarre, zu 1/3 der Herz Jesu - Pfarre zufallen. Dieses Dritte wird jährlich 200 Mark ausmachen. Offensichtlich eine großmütige Geste seitens der Mutterpfarre, dieses Drittel zu gewähren.

Später mag es ,,gereut" haben, denn in der Pfarrchronik von Herz - Jesu ist unter Anno 1940 zu lesen:
Die Erträgnisse der Erbbegräbnisse waren von der Clemens-Pfarre 16 Jahre nicht mehr gezahlt worden. Zu der entstandenen Streitfrage entschied die Bischöfliche Behörde, daß die rückständigen Beträge der Herz Jesu-Pfarre abzuzahlen seien. Im Dezember wurde das Geld überwiesen.
So ist das nachbarliche Bruderteil dann letztlich doch dahin geflossen, wohin es nach damaligem KV-Beschluß fließen sollte.

Was sonst noch an "Mitgift" der jungen Gemeinde überwiesen wurde, vermeidet die Chronik weiter;

  1. Ein Stiftungskapital von 500 Mark
  2. Ein Stiftungskapital von 100 Mark
  3. Ein Stiftungskapital von 1.500 Mark

Weitere Ansprüche an das Vermögen der Mutterpfarre sollen der Herz Jesu-Gemeinde nicht eingeräumt werden. Dagegen soll die Herz Jesu-Pfarre einen Teil des von der Mutterpfarre aufgenommenen Kapitals in Höhe von 32.000 Mark als eigene Schuld übernehmen und für die Verzinsung und Amortisation aufkommen. Dafür wird die junge Gemeinde aber von allen Beiträgen für die Mutterpfarre freigesprochen.

Erhebung der Rektoratsgemeinde zur Pfarre

Erhebung der Rektoratsgemeinde zur Pfarre

Am 21. November 1909 feierte die Gemeinde das Fest zur Pfarrerhebung. Der bisherige Rektor Bernhard Mehring wurde als erster Pfarrer eingeführt. Es war ein Jubeltag für die Gemeinde, und er wurde auch entsprechend gefeiert. In der Gaststätte Broß am Hagelkreuz gab man sich zu einem Festessen das StelIdichein. Der Großvater des jetzigen Wirtes pflegte alle besonderen Veranstaltungen in seinem Saal (Kaisers Geburtstag - Cäcilienfeste - Einweihungsfeiern etc.) ,,in einem geheiligten Buche" schriftlich festzuhalten. Wie ,,deftig" man zur Sache ging, zeigt untenstehendes Faksimile. (Bild 3)

Die junge Gemeinde entfaltet sich

Am 13. Juli 1910 empfing die Pfarre hohen Besuch: Weihbischof Illigens spendete das Sakrament der Firmung und Konsekrierte tags darauf die Kirche. In der jungen Pfarrgemeinde herrschte große Begeisterung und Bereitwilligkeit zur Ausschmückung der Kirche. Durch Kollekten wurde erreicht, daß bald verschiedene Einrichtungsgegenstände angeschafft werden konnten. Daneben stifteten die Geschwister Flesch, und zwar Georg und Helene sowie auch der Pfarrer Flesch in Zwillbrode i. W. den Hochaltar, die bunten Fenster im Chor und die goldene Monstranz.

Ebenso wurde die Herz Jesu-Statue und der Taufstein aus freiwilligen Gaben angeschafft.

Die Mutterpfarre schenkte den Kreuzweg und die alte Orgel. Die ganze Einrichtung der Sakristei, Ankleidetisch etc. wurden in hochherziger Weise von der Gutenhoffnungshütte geschenkt (Kommerzienrat hat stets der Herz Jesu-Gemeinde sein großes Interesse gezeigt und für ihre Bedürfnisse eine offene Hand gehabt).

Nach wenigen Jahren schon kündeten die neuen Glocken Gottesdienst und Feierlichkeiten in der Gemeinde an. Am 29. September 1912 war die Einweihung (Bronzegeläute es, f, g). Das Geläute, geliefert von der Firma Petit und Edelbrock, konnte ob seiner Klangfülle Anspruch auf ein Kunstgeläute machen.

Vom 9.-23. Februar 1913 fand die erste Mission durch Redemptoristenpatres statt, an 25. Februar wurde das Missionskreuz in der Kirche errichtet.

Pfarrer Mehring, der in der jungen Pfarre außerordentlich viel geleistet hat. in Seelsorge und Ausstattung der Kirche. schied Oktober 1913 von der Gemeinde und wurde Pfarrer an der neuen Kirche in Ahlen. An seine Stelle trat der bisherige Rektor in Bottrop-Boy, Anton Holz.

Erste Fronleichnamsprozession

1914 veranstaltete die Gemeinde erstmalig eine eigene Fronleichnamsprozession. So ganz ohne Schwierigkeiten ging das nicht vonstatten. Es mußten seitens der Gemeinde harte Kämpfe geführt werden gegen die protestantische Stadtverwaltung ehe von der Regierung die Erlaubnis erteilt wurde.

Der 1.Weltkrieg bringt manche Arbeit zum Erliegen.

Außer einer Ehrentafel der Gefallenen aus der Marianischen Jünglingssolidarität der Herz-Jesu Pfarre vermeldet die Pfarrchronik, daß am 14. Mai 1918 eine Firmung stattfand.

Neuer Pfarrer an Herz Jesu

Im Februar 1919 verzichtete Pfarrer Anton Holz wegen Krankheit auf die Pfarrstelle. Er zog sich in das Krankenhaus zu Oelde zurück; dort ereilte ihn schon am 5. Mai desselben Jahres der Tod. Seine Amtszeit fiel in die schwere Kriegszeit, in der er sich mit großer Liebe der Angehörigen der Gefallenen angenommen hatte. Seine Ruhestätte ist auf dem hiesigen Friedhof.

Am 30. März 1919 wurde der bisherige Kaplan von St.Peter in Hamborn, Alfons Beurschgens, als Pfarrer dieser Gemeinde eingeführt.

Erwerb von Grundbesitz für kirchliche Zwecke

Die Pfarrgemeinde besaß außer Kirche und Pfarrhaus keinen Grundbesitz. Der neue Pfarrer richtete sein Augenmerk darauf. durch Erwerb von Grundstücken die Finanzlage der Gemeinde auf eine gesunde Grundlage zu stellen. Im Laufe des Sommers gelang es. die Geschwister Georg und Magdalena Flesch. die bereits früher der Kirchengemeinde große Wohltaten erwiesen hatten. zu bewegen, bedeutende Grundstücke an der Oskar- und Mathildestraße zu schenken. Diese Maßnahme war um so notwendiger, zumal die Stadtverwaltung die Absicht hatte, eben dieses Gelände für Wohnungen ihrer Beamten zu erwerben. Im August wurden diese Grundstücke der Kirchengemeinde gerichtlich überschrieben.

Für die Vereine hatte man noch keinen Vesammlungsraum. außerdem suchte man nach einer Wohnung für eine Gemeindeschwester. Mit Hilfe der Regierung in Düsseldorf, ebenso durch Unterstützung von Kommerzienrat Reusch konnte das Haus Mathildestraße 18 von dem Bauunternehmer Schulte-Hubbert gekauft werden.

Anläßlich des Stiftungsfestes der Jungfrauenkongregation wurde der Reinertrag als Grundstock für das zu erbauende Vereinshaus angelegt

Am 21. Mai1922 war die feierliche Grundesteinlegung des Vereinshauses. Die Baukosten wurden durch wiederholte Kollekten und durch eine Bilderlotterie aufgebracht. Für die Ausführung des Baues stellten sich die Maurer, Schreiner und andere Arbeiter freiwillig zur Verfügung. In rastloser Arbeit würde der Bau bis zum 26. November fertiggestellt. An diesem Tage fand die kirchliche Einweihung des Vereinshauses statt

Am 3. Dezember wurde eine glänzende weltliche Einweihungsfeier mit Festspiel und Konzert gehalten. Die Spitzen der Stadtverwaltung und der Gutehoffnungshütte waren als Ehrengäste zugegen.

Leider wurde das Vereinshaus anfangs des Jahres 1923 durch die belgische Besatzung. die ins Rheinland eingezogen war, belegt sodaß zum großen Schmerz der Gemeinde alle Versammlungen ausfallen mußten. Durch viele schriftliche und mündliche Bemühungen des Pfarrers wurde das Vereinshaus nach zwei Monaten wieder geräumt

Aber schon bald erwies sich das Vereinshaus als zu klein, zudem wurde der Anbau einer festen Bühne notwendig. Es fand deshalb eine Geldsammlung in der Gemeinde statt, die Summe von 2 Millionen Mark (Inflation) erzielte.

Querelen auf schulischem Sektor

lnfolge sozialistischer Machenschaften sollte Sterkrade einen Kreisschulinspektor sozialistischer Prägung erhalten. lm evangelischen Gemeindehaus fand eine Protestversammlung der kath. Bevölkerung Sterkrades statt. Das Zentrum machte Eingaben, protestantische Verbände und kath. Vereine unter Führung des Pfarrers von Herz-Jesu setzten sich zur Wehr mit dem Erfolg, daß der sozialistische Schulrat nach drei Tagen das Feld wieder räumen mußte. An seine Stelle kam der bisherige Schulinspektor von Dinslaken Dr. Schnöring nach Sterkrade, der als Protestant es verstanden hat, den Wünschen der kath. Geistlichkeit und Bevölkerung entgegenzukommen.

Die junge Gemeinde faßt mehr und mehr Wurzeln und breitet sich aus

lm Frühjahr 1925 erwarb man das Haus an der Oskarstraße 33 von dem damaligen Besitzer Erben Overbeck;
es wurde als Schwesternhaus eingerichtet, und in einem Zimmer der Parterrewohnung fand die neugegründete Borromäusbücherei Aufnahme.

lm gleichen Jahr noch wurde das Besitztum des lnvaliden Broß an der DragonerstraBe 17 von der Kirchengemeinde enryorben. Als Entschädigung übernahm die Gemeinde die Verpflichtung, den lnvaliden Broß bis zu seinem Lebensende im Schwesternhause zu unterhalten.

Einige Jahre waren Sonderkollekten abgehalten worden für neue Glocken. (Während des Krieges mußten die
zwei schwersten Glocken, und zwar ,,es" und ,,f" abgegeben werden.) Unter großer Anteilnahme der Gemeinde fand am 4. November 1927 die feierliche Glockenweihe statt, die der Pfarrer vornahm.

lm Frühjahr 1930 hielten Oblatenpatres eine dreiwöchige Mission, an der die Gläubigen sehr zahlreich teilnahmen, 1922 hatten ebenfalls die Oblaten aus Essen-Borbeck die Gemeinde missioniert.

Auf seelsorglichem Gebiet hat das religiöse Leben in Herz-Jesu einen erfreulichen Aufschwung genommen; die Chronik vermeldet unter dem Jahre 1935: in 10 Jahren hat der Sakramentenempfang um 15000 zugenommen, so daß in diesem Jahre 46500 hl. Kommunionen ausgeteilt werden konnten.

Erste Schäden an der Kirche

lm Frühjahr'1934 waren erhebliche Bergschäden in der Kirche aufgetreten, die einen bedrohlichen Charakter annahmen. Deshalb ließ die Bergschädenabteilung der Gutehoffnungshütte eine grÜndliche lnstandsetzung vornehmen. Bei dieser Gelegenheit erhielt die Kirche einen neuen Anstrich. Der Chorraum wurde von dem Maler Sauer aus Oberhausen in sehr entsprechender Weise ausgemalt. Die Bergschädenabteilung zeigte sich nach vielen Verhandlungen bereit, die gesamten Kosten zu übernehmen.

Von Wilhelm Broß wurde für das Josefschor in der Kirche ein neues Fenster gestiftet.

Pfarrer Beurschgens nimmt Abschied - sein Nachfolger wird Wilhelm Awick

Pfarrer Beurschgens fühlte sich infolge seines Gesundheitszustandes den Aufgaben einer Industrie-Seelsorge nicht mehr gewachsen. Er hatte die Gemeinde 18 Jahre betreut. Zum 2. Januar 1937 ließ er sich in den Ruhestand versetzen. Die Gemeinde bereitete ihm anläßlich der Weihnachtsfeier am 27. Dezember 1936 in der Tonhalle Broß eine würdige Abschiedsfeier. Seine Verdienste um die wirtschaftliche Lage der Pfarrgemeinde und um die Verschönerung der Kirche, seine seelsorgliche Arbeit und besonders seine Liebe zur Jugend fanden gebührende Würdigung.

Am 3. Januar 1937 wurde Pfarrer Wilhelm Awick zum Pfarrer dieser Gemeinde ernannt. Diese Nachricht wurde von der Gemeinde mit großer Freude aufgenommen, weil Pfarrer Awick von seiner früheren Tätigkeit als Kaplan in Sterkrade noch in bester Erinnerung stand. (,,Das walte Gott und Kaplan Awick", so hieß es im
Volksmund.) Am Sonntag, dem 24. Januar, fand die kirchliche Einführung statt. Bei prächtigem Frühlingswetter und unter sehr großer Beteiligung der Sterkrader Bevölkerung gestaltete sich die Einholung des neuen Pfarrers und das Festhochamt zu einer gewaltigen religiösen Kundgebung.

Schon bald begann der neue Pfarrer den Plan einer Kirchenheizung zu verwirklichen. Am ersten Sonntag im
März wurde mit der Kollekte für die neue Heizung begonnen, und in einer Kirchenvorstandssitzung vom
22. April 1937 ist zu lesen: ,,Zu 3) Beschaffung einer Kirchenheizung machte der Vorsitzende bekannt, daß
die beiden ersten Kirchensammlungen bereits erfreuliche Ergebnisse gezeigt, und daß bei anhaltender Gebefreudigkeit der Pfarreingesessenen in Kürze der Beschaffung der Heizung nähergetreten werden könne."
Kurz und gut: lm August wurde die neue Heizung eingebaut. Als Entschädigung für die Bedienung der Heizung während der kalten Jahreszeit wurden dem Organisten Welker 100,00 Mark zugebilligt.

Das kirchliche Leben während der NS-Zeit

ln der Zeit des nationalsozialistischen Reiches und im Weltkrieg 1939-1945 standen alle mehr oder weniger im Zeichen des unerhörten Machtkampfes um die Wahrung des Glaubens.

Die Fronleichnamsprozession des Jahres 1937 erfreute sich einer außerordentlich starken Beteiligung, vor allen Dingen die Männer bekundeten, wo sie innerlich standen Die Jugend gestaltete am Dreifaltigkeitssonntag ihren Jugendsonntag zu einem großen Bekenntnis ihres Glaubens. Trotz der Zeitlage traten Jungen und Mädchen noch recht zahlreich den kirchlichen Jugendvereinen bei.

Am 28. August wurde durch die Geheime Staatspolizei der Jungmännerverein aufgelöst. Um 7.30 Uhr morgens erschienen beim Präses Kpl. Weppelmann zwei Beamte der Staatspolizei und erklärten die Auflösung des Vereins und die Beschlagnahme des Vermögens. Gegen 10.00 Uhr kamen zwei weitere Beamte hinzu und nahmen das Christusbanner, 3,10 Mark Beitragsgeld und alle Vereinsakten mit.

Aber das Christkönigfest in diesem Jahr wurde so begeistert von der Jugend gefeiert wie nie zuvor.

lm Januar 1938 fand eine religiöse Erneuerungswoche statt; Leiter war ein Jesuitenpater aus Essen. Die Chronik vermeldet: Teilnahme sehr gut, Schlußfeier mit Treuebekenntnis überwältigend, 2 000 hl. Kommunionen wurden am Sonntag, dem 23. Januar, ausgeteilt.

Es ist rmmer wieder erstaunlich zu lesen, mit welcher Bereitschaft und Opfergesinnung die Pfarrangehörigen dazu beitrugen, die Kirche auszustatten und auszuschmücken: Zehn Kollekten für die Heizung hatten circa 4000 Mark erbracht, mit diesem Geld war die Anlage bezahlt. Nun wurde mit der Kollekte für die neuen Seitenfenster des Seitenchores auf der Evangelienseite begonnen. Einige Monate später - in der Fronleichnamsoktav - waren diese fertiggestellt: zwei Fenster in Teppichmuster, das eine mit Darstellungen des hl. Pfarrers von Ars, das andere zeigt die hl. Margarethe Maria Alacoque. (Entwurf und Ausführung: Hans Merke aus Goch.) Die Chronik vermeldet schlicht: Die Kollekten hatten die Kosten für die Fenster aufgebracht.

lm Laufe der Jahre hatte sich die Pfarrbibliothek beträchtlich erweitert, sie hatte einen neuen Ausleiheraum im Anbau des Schwesternhauses gefunden. Zugleich mit der Bibliothek wurde eine Wohnung für den 2. Kaplan im Schwesternhause eingerichtet. Die Schwestern selbst erhielten auch Verstärkung: es kam die fünfte Schwester. Das innerkirchliche Leben wuchs merklich. Zeugnisse dessen: Am hochheiligen Osterfeste des Jahres 1938 - Tage des 40-stündigen Gebetes - hielt der Kapuziner P. Meinulf drei Predigten über ,,Christus in unserer Zeit". Die Teilnahme der Gemeinde war überwältigend.

3000 hl. Kommunionen wurden an den Ostertagen ausgeteilt. Vom Christi-Himmelfahrtstag bis zum darauffolgenden Sonntag wurde in Predigten und Sühnekommunionen der Eucharistische Weltkongreß in unserer Pfarrkirche mitgefeiert. (Die damaligen Machthaber hatten verboten, daß deutsche Katholiken daran teilnahmen.)

Am 25. August war die 200. Wiederkehr des ersten Wunders am Gnadenbild der ,,Mutter vom Guten Rat" in der Clemenskirche.

Am 27. August hielt unsere Gemeinde unter großer Beteiligung im Rahmen der Festwoche in der Clemenskirche ein Levitenamt mit Festpredigt.

Das Christkönigsfest wurde mit einem Triduum für die Jugend eröffnet und mit Generalkommunion der Jugend festlich begangen. Die Chronik führt abschließend unter Anno 1938 ein Ereignis an, an das sich manche aus der Gemeinde wohl erinnern werden:

Am 30. August entstand über Nacht in Sterkrade eine gewaltige Überschwemmung durch große Regengüsse' die den Stadtmittelpunkt in einen See wandelten und großen Schaden anrichteten. ln unserer Gemeinde wurde an der Bremener Straße durch den Reinersbach, der Hochwasser führte, ein Haus zum Teil niedergerissen.

Treuebekenntnis der Sterkrader Katholiken zu ihrem Bischof

Clemens August Graf von Galen
Bischof von Münster
am Portal des Pastorates - im Hintergrund Pastor Awick und Kpl. Weppelmann

Am 8. November 1938 nachmittags 6 Uhr wurde Clemens August Graf von Galen, der Bischof von Münster, vom gesamten Klerus des Dekanates Sterkrade auf dem Schulhof des früheren kath. Lyzeums (der heutige GHH-Parkplatz zwischen Clemenskirche und GHH-Hauptgebäude) empfangen. Nach Begrüßung durch Dechant Cuvelier begab sich der Bischof in die überfüllte Clemenskirche, in der er eine Predigt hielt und den Gläubigen den Segen spendete. Darauf sollte der Bischof in feierlicher Prozession mit Meßdienern und Fahnendeputationen zur Wohnung des Dechanten geleitet werden. Als die Prozession den Kirchplalz verlassen wollte, um die Straße zu überqueren, wurde von hohen Polizeibeamten Einhalt geboten:,,Demonstrationszüge nicht statthaft." Sobald die Beamten sich dem Bischof näherten, brach die Menge in spontane Heilrufe aus, die kein Ende nehmen wollten. Der Bischof erklärte den Polizeibeamten, daß es ihm in seiner Diözese bisher nirgendwo untersagt worden sei, mit seinem Klerus zum Pfarrhhaus zu  ziehen. Dennoch wurde der Bischof aufgefordert, in einem Auto zur Wohnung des Dechanten zu fahren. Clemens August aber betonte, daß er das Recht habe, mit den Geistlichen die Straße zu benutzen.

Die Polizei löste die Prozession auf, Meßdiener und Fahnenabordnungen durften nicht weiter mitgehen; und so schritt der Bischof unter anhaltenden Hoch- und Heilrufen, begleitet von seinen Geistlichen und Tausenden von  Gläubigen, durch die illuminierten Straßen zur Wohnung des Dechanten (das heutige Schwesternhaus an der Robert-Koch-Straße). Die Polizei war bemüht, die Menge abzudrängen. Aber die Gläubigen - besonders die Jugend - forderten immer wieder durch laute Rufe: ,,Wir wollen unseren Bischof sehen!" Als sich der Bischof am Fenster zeigte, schollen wahre Beifallstürme ihm entgegen. Nach Erteilung des Segens forderte Clemens August die Anwesenden auf, jetzt heimzugehen. Spontan - ,,auf das Wort des Bischofs hin" - gingen die Leute davon, und zwar mit einer Disziplin, die allenthalben Bewunderung hervorrief.

ln der folgenden Nacht wurde von ,,gewissen Leuten" dem Bischof ein ,,Ständchen" gebracht, beleidigende Rufe und Lieder wurden in die Nacht gegrölt.

ln den Morgenstunden des folgenden Tages war der Sturm auf die jüdischen Geschäfte, als ,,Kristallnacht" in die Geschichte eingegangen.

Für die Herz-Jesu-Pfarre war der folgende Sonntag, der 13. November, als Tag zur Spendung der Firmung bestimmt. Vom Portal der Kirche bis zum Bürgersteig war ein Weg, drei Meter breit, mit Platten belegt worden

An der Straße (auf kirchlichem Boden) erhob sich ein sechs Meter hoher Triumphbogen, geschmückt mit dem bischöflichen Wappen und der lnschrift: ,,Gott segne unseren geliebten Bischof!" Auf dem Kirchplatz und vom Turm wehten die großen Fahnen. ln der Nacht zum 13. November, 0.20 Uhr, stürmten etwa zehn Männer, vier davon in SA-Uniform, auf den Kirchplatz, schlugen ein großes Loch in die Säule des Ehrenbogens und zerbrachen einige kleine Fahnenstangen. Sie wurden an weiteren Untaten gehindert, da wachhaltende Jungmänner aus der Gemeinde die Glocken läuteten. Die ,,Helden" ergriffen Hals über Kopf die Flucht, ihre ,,Werkzeuge" - die Brechstangen - wurden am nächsten Tage in den benachbarten Gärten gefunden. Der Pfarrer rief das Überfallkommando an, das den Rest der Nacht eine Polizeiwache für den Kirchplatz stellte.

Am Sonntagmorgen, um 9 Uhr, traf der Bischof vor der Kirche ein, wurde vom Pfarrer und den Kaplänen begrüßt und spendete nach der Messe 486 Kindern und Erwachsenen das Sakrament der Firmung. Nach der Predigt wurde er in feierlicher Prozession mit Musik zum Pastorat geleitet. Beim Auszug aus der Kirche sang die Jugend begeistert die Papsthymne. Vor dem Pastorat sang die Menge Lieder, die Bekenntnis und Treue zum Ausdruck brachten. Der Bischof verabschiedete die Gläubigen mit dem Segen.

lm Laufe des Vormittags besuchte der Bischof das Schwesternhaus, dort begrüßte er auch den Kirchenvorstand. Die Kapläne besuchte Clemens August in ihren Wohnungen.

Nachmittags um 3 Uhr nahm der Bischof im Vereinshaus die Katechese der Oberklassen beider Schulsysteme ab. Der Chronist vermerkt: Die Kinder erfreuten durch Aufmerksamkeit und gutes Wissen.

Kundgebung der Jugend in der Kirche

Das herrlichste Erlebnis seit Bestehen der Pfarrgemeinde war zweifellos die große Treuekundgebung der Jugend am Abend des 13. November. Jugendliche aus dem gesamten Dekanat waren erschienen. Die Kirche war überfüllt. Unter feierlichem Glockengeläut hielt Clemens August Einzug in die Kirche. lm Altarraum hatte man einen Thron errichtet, geziert mit dem bischöflichen Wappen. Von hier aus nahm der Bischof den Treueschwur der Jugend entgegen. Danach bestieg der Oberhirte die Kanzel und hielt der Jugend eine auf munternde Predigt. Mit Firmerneuerung und sakramentalem Segen schloß die Feier.

18 Geistliche aus den Sterkrader Gemeinden und mehrere Tausend Jugendlicher gaben dem Bischof das Geleit zum Pastorat. Immer wieder erschollen Hoch- und Heilrufe. Als der Oberhirte sich am Fenster im Scheinwerferlichtzeigte, begannen die jungen Leute zu singen.

Sie warteten auf den Bischof, der nach dem Abendessen das Pfarrhaus verließ. Fackeln und Lämpchen tragend, verabschiedeten sie Clemens August, der durch die erleuchtete lnselstraße zur Dekanei zurückfuhr.

Man darf wohl sagen, daß dieser Bischofsbesuch im November 1938 das herausragende Ereignis für Sterkrade war und für viele aus unserer Pfarre, die dabei waren und sich beim Lesen dieser Zeilen daran erinnern, ein bleibendes Erlebnis bedeutet.

Harte Kriegsiahre ziehen ins Land - Das Gemeindeleben steht unter dem Druck der NS-Machthaber

Die Kriegszeit von 1939 bis 1945 war für alle eine besonders harle Zeit, so auch für unsere Gemeinde. Fliegerangriffe hatten nicht nur der Kirche schweren Schaden zugefügt. Pfarr- und Schwesternhaus wurden ebenso arg mitgenommen; gar manche Familie aus der Pfarre wurde obdachlos. ln der Nacht von Ostermontag auf Osterdienstag des Jahres 1943 wurden acht Personen aus der Gemeinde durch Bomben getötet. Bis zum November dieses unglückseligen Jahres waren aus unserer Pfarre bereits 94 auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen gefallen. Viele Familienmitglieder waren voneinander getrennt, nicht nur daß Männer, Väter, Söhne und Brüder an der Front standen, sondern auch dadurch, daß viele Kinder in der Kinderlandverschickung waren. Verständlich, daß das Gemeindeleben sehr erschwert wurde. Hinzu kamen noch Auflagen und Verordnungen - man kann auch sagen Verbote - seitens des NS-Regimes. Schon seit 1940 war die äußere Feier des Fronleichnamfestes verboten, es mußte auf den Sonntag verlegt werden. Die Prozession durfte nur auf kirchlichem Boden ziehen. So trug man das Allerheiligste um die Kirche, und nach jedem Umzug wurde an einem der Altäre der Segen erteilt.

Anfang des dritten Kriegslahres wurden die beiden großen Glocken für Kriegszwecke fortgeholt. Zum Abschied ließ der Ptarrer eine halbe Stunde alle Glocken läuten.

Auf Druck der Machthaber wurde der Religionsunterricht für das 2. bis 8. Schuljahr nach bischöflicher Anordnung außerhalb der Schule erteilt, mußte aber wegen häufigen Fliegeralarms oft ausfallen oder abgekürzt werden.

Die vom Bischof gewünschten Seelsorgstunden für die Jugend konnten bald nicht mehr gehalten werden: alle 16-jährigen Jungen waren eingezogen, die 15-jährigen waren zum Schanzen eingesetzt und den 14-jährigen erlaubten die Eltern das Fortgehen nicht wegen der häufigen Alarmgefahr. Aus letztem Grund mußten auch für die weibliche Jugend die Seelsorgstunden ausfallen.

Ostern 1944 konnte in unserer Kirche das Ewige Gebet noch ohne Störung gehalten werden. Gott Dank, welch Unheil hätte geschehen können! ln der Nacht von Ostermontag auf Osterdienstag war aus einem der schwer beschädigten Kirchenfenster ein eiserner Rahmen herausgefallen, zwei Bänke waren  durchgeschlagen. Wäre das Unglück bei Tage geschehen, hätten Gläubige in den Bänken gekniet.

Mancher Ältere aus der Gemeinde wird das Unglück während der Sonntagsmesse am 16. Juli 1944 erlebt haben, das - Gott sei Dank - einen glimpflichen Ausgang nahm: während der Messe um 9 Uhr fielen schwere Steinblöcke aus einem schon stark beschädigten Fenster. Von geringen Verletzungen abgesehen, hat wie durch ein Wunder niemand Schaden genommen. 

Bomben in der Silvesternacht 1944

Der Silvesterabend brachte den bisher schwersten Angriff für unsere Kirche. Kein Fenster war mehr heil, schwere Blöcke aus dem Gewölbe und aus den Fenstergerippen lagen durch die ganze Kirche verstreut. Durch die leeren Fenster sah man von allen Seiten in große Brände. Starker Schneefall hatte den Beichtstühlen und Krippenfiguren Schneehauben aufgesetzt. Die Tannen an der Krippe waren verschneit und vor den Beichtstühlen lagen große Schneeteppiche. Es dauerte einige Wochen, bis die Fenster mühevoll mit Sperrholz oder Blechplatten zugenagelt waren.

Das Frühjahr 1945 bringt das Ende des Krieges

ln den ersten Märztagen setzte der erste Artilleriebeschuß ein. Ständiger Alarm und Tieffliegerangriffe zwangen die Menschen, tagelang in ihren Kellern und Hochbunkern zu hocken. Am 24. März erlebten die Menschen in Sterkrade wohl den schwersten Angriff. Unsere Kirche blieb vor dem Schlimmsten bewahrt. Am Gründonnerstag hielt der Pfarrer unter großer Gefahr den Gottesdienst. Die Feier war kaum beendet, als die ersten Panzerspitzen anrollten. Amerikanische Soldaten drangen in die Häuser, durchstöberten jeden Winkel. ln der Kirche wurden die Beichtstühle und Sakristeischränke nach Munition und Waffen durchsucht.

Am Karfreitag wurde unter Geschützdonner und dem Kettengerassel unzähliger Panzer um 10.30 Uhr der Gottesdienst gehalten. Sterkrade wurde an dem Tagevon amerikanischen Soldaten überflutet, viele Familien mußten innerhalb einer halben Stunde ihre Häuser räumen, damit die Soldaten Quartier beziehen konnten. Für viele Menschen in der Tat ein wahrer ,,Karfreitag"

Neues Leben erblüht aus den Ruinen

Die Menschen atmeten auf: der gausige Spuk war vorüber. Die Wunden vernarbten. Noch lebten vieleFamilien in banger Sorge um ihre Kriegsgefangenen.

Aber der Weiße Sonntag war für 32 Kinder mit ihren Angehörigen ein großer Festtag. Nach dem Untergang des ,Tausendjährigen Reiches" durften die kirchlichen Fahnen wieder wehen. Maibäume schmückten die Straßen. ln festlichem Zuge wurden die Kinder vom Pfarrheim in die Kirche geleitet. Eine große Zahl von Gläubigen feierte in Dankbarkeit mit den Kindern.

Bald wurden auch die Seelsorgestunden für die Jugend wieder aufgenommen.

Ende Juli war die Mehrzahl der Schulkinder aus der Kinderlandverschickung heimgekehrt, und bald wurde der Unterricht in den Schulen wieder aufgenommen. Obwohl sehr intensiv die Werbetrommel für die Gemeinschaftsschule gerührt wurde, konnten sich die Anhänger der konfessionellen Schule durchsetzen. Feierlich wurden die vom NS-Regime verbannten Kruzifixe in die Schule zurückgetragen. Auch hier nahm die Gemeinde großen Anteil und sang begeistert das ,,Großer Gott,wir loben Dich".

Ein herausragendes Erlebnis für unsere Jugend war ihre Münsterfahrt im März 1946. Unser Bischof Clemens August Graf von Galen war als ,,Löwe von Münster" ob seines Bekennermutes während der Naziherrschaft von Papst Pius Xll. in den Kardinalstand erhoben worden. Am 16. März war er von der Romreise in seine Bischofsstadt heimgekehrt; sechs Tage später - am 22. März - wurden die Gläubigen der Diözese durch die unfaßbare Nachricht vom Tode des Kardinals erschüttert. Die Jugend unserer Gemeinde rechnete es sich zur Ehre an, dem Kardinal auf dem Weg zur Begräbnisstätte das Ehrengeleit zu geben. Die Chronik vermeldet, daß die Banner des Dekanats auf einem Lastwagen nach Münster gebracht wurden. Der Pfarrer ließ eine Stunde lang die Glocke läuten, um die Trauer der Gemeinde zu künden.

Die Fronleichnamsprozession in diesem Jahr war die erste nach dem Kriege, die in althergebrachter Weise ihren Weg nahm. Häuser und Straßen waren festlich geschmückt.

Unter dem Leitgedanken ,,Einer trage des andern Last" feierte die Jugend im Stadtwald Osterfeld eine Gemeinschaftsmesse. Am Abend fand in unserer Kirche eine Bekenntnisstunde statt. lm August feierte der Arbeiter- und Knappenverein sein Stiftungsfest, wozu das gesamte Werkvolk unserer Pfarre mit Bannern und Fahnen erschienen war. Auch die Spielschar unserer Gemeinde war nicht müßig: sie hatte aus diesem Anlaß ,,Die Wunderkur" (von Herbert Kranz) eingeübt und zur Freude aller zum besten gegeben. Überhaupt gab die junge Spielschar von ihrer Regsamkeit Zeugnis: am Bekenntnissonntag des Jahres 1947 wurde von ihr auf dem Platz am Vereinshaus ,,Die verstorbene Gerechtigkeit" aufgeführt, und am Dreikönigsfest erfreute ,,Das Triptychon von den Hl. Drei Königen" von Felix Timmermanns die Gemeinde. Das Spiel wurde dreimal wiederholt.

lnzwischen hatte auch der Elisabethverein vom Schwesternhaus aus seine Tätigkeit wieder aufgenommen.

Aus heutiger Sicht kann man sagen: allenthalben war neues Leben entfacht, die Gemeinde Herz-Jesu baute sich von neuem auf.

Und so künden auch die fünfziger Jahre von stetigem Wachstum des innerkirchlichen Lebens: religiöse Wochen, Wallfahrten, Fastenpredigten, Bekenntnistage setzten Akzente. Ein Ereignis aus dem Jahre 1955 sei stellvertretend für viele vermerkt: vom 26.-28. Oktober war unsere Kirche Herberge der Fatima-Statue, der ,,Mutter Gottes vom Rosenkranz". Mit Bannern, Fahnen und Lichtern war das Bildnis in feierlicher Prozession von der Ecke Sprock- und WittestraBe zur Kirche geleitet worden. ln diesen zwei Tagen war die ,,Mutter Gottes vom Rosenkranz" der Mittelpunkt der Gemeinde. Am Freitag, dem 28. Oktober, fanden sich die Gläubigen zur Schlußfeier zusammen, die Pfarrfamilie weihte sich der Gottesmutter. lm Anschluß daran wurde die Fatima Madonna in einer feierlichen Lichterprozession über den Postweg bis zur Erzbergerstraße geleitet. An der Pfarrgrenze wurde sie den Gläubigen von St. Barbara übergeben.

Pfarrer Awick scheidet aus dem Amt - 30 Jahre in Sterkrade tätig

lm Oktober 1957 wurde der Pfarrer auf eigenen Wunsch von seinen Pflichten entbunden. 78 Jahre alt, hatte er 30 Jahre segensreich in unserer Stadt gewirkt, davon 20 Jahre als Pastor dieser Gemeinde. lm Mai hatte er noch mit seinen Pfarrangehörigen in elnem feierlichen Levitenamt sein goldenes Priesterjubiläum gefeiert. Drei Jahre im Ruhestand sollten ihm noch vergönnt sein. Am 14. Dezember 1960 starb er in seiner Heimatgemeinde Scharrel (Oldenburg). Seine Ruhestätte fand er in der Priestergruft auf dem Friedhof an der Wittestraße.

Erster Spatenstich zum Bau der neuen St.-Pius-Kirche im Alsfeld

lm Februar 1958 wurde der neue Pfarrer Franz Scheulen eingeführt, und im November gleichen Jahres beschloß der Kirchenvorstand die Errichtung einer neuen Kirche und eines Gemeindezentrums im Alsfeld. Der Bezirk zählte zu der Zeit mehr als 3500 Seelen, und durch die rege Bautätigkeit in dem genannten Gebiet war mit weiterem Zuwachs zu rechnen. Durch die Ernennung des Herrn Kpl. Schroer zum Vikar an St. Pius Mitte des Jahres 1961 konnte gewissermaßen im geistlichen Raum die Gründung der neuen Gemeinde als vollzogen betrachtet werden.

Am 1. April 1962 war der erste Spatenstich zum Bau der neuen Kirche, und am 1. Juli wurde die bisherige Expositur zur Rektoratspfarre erhoben. Am 29. Juni 1963 erhielt die neue Kirche durch den Bischof die Weihe. Die Mutterpfarre nahm freudigen Anteil.

Die Schwestern verlassen uns

Vom Mutterhaus der Ew. Schwestern der Göttlichen Vorsehung in Kevelaer wurde dem Pfarrer mitgeteilt, daß unser Schwesternhaus aufgelöst und mit dem Marienhaus St. Clemens vereinigt werden sollte. Das Marienhaus soll dann der Kirchengemeinde Herz-Jesu lediglich je eine Schwester für den Kindergarten und für die Krankenpflege zur Verfügung stellen. Diese Mitteilung hat tiefes Bedauern ausgelöst. Einige Herren des Kirchenvorstandes wurden als Abordnung nach Kevelaer entsandt. Sie ,,pilgerten" zur Mutter Oberin - es wurde aber nichts rückgängig gemacht.

Ende September 1963 nahmen die Schwestern Abschied von unserer Gemeinde; 35 Jahre haben sie segensreich unter uns gewirkt. Manch einer der älteren Gemeindemitglieder wird an unsere Schwestern diese oder jene Erinnerung haben, da gab es Nähkurse der Handarbeitsschwester, die unermüdliche Arbeit im Kindergarten, die opferbereite Krankenschwester - sie waren ein Segen für die Gemeinde.

Große Pläne werden verwirklicht

Schon seit geraumer Zeit war es nicht nur die Renovierung der Kirche, die dem Pfarrer und dem Kirchenvorstand Sorge bereitete, sondern auch die innere Ausgestaltung der Kirche lag ihnen am Herzen. Bereits im März 1963 waren die Pläne der bischöflichen Behörde zugeleitet worden, und in einer Haussammlung wurde bei den Pfarrmitgliedern kollektiert. Ein Jahr später -im April 1964 - begann man mit den Erneuerungsarbeiten in der Kirche. Von dienstags bis freitags wurde im Vereinshaus Gottesdienst gehalten, samstags fand sich eine Schar von lnvaliden und Frauen ein, durch deren unermüdlichen Einsatz die Kirche für den Sonntagsgottesdienst hergerichtet wurde. Ende August schon konnte die Gemeinde auch wieder an den Werktagen in der Kirche ihren Gottesdienst feiern. Der (vorerst provisorische) Altar stand nun inmitten der Kirche, die Zelebration geschah zum Volke hin. Durch das 2. Vatikanische Konzil war eine liturgische Erneuerung beim Gottesdienst angeordnet worden.

lm März 1965 wurde das neue Schwesternhaus Oskarstraße 29 fertiggestellt. Spanische Schwestern haben zugesagt, im Herbst zu kommen.

Das Modell von der Neugestaltung des Chorraumes wurde zur Ansicht und Kritik im Vereinshaus ausgestellt.

Im Sommer 1966 wurde ein neuer Altar in der Kirche errichtet, die Kommunionbänke waren entfernt worden. Den 60. Jahrestag der Kirchweihe am 15. Oktober 1967 feierte die Gemeinde mit einem Festakt im Vereinshaus, dessen Umbau und Restaurierung gerade rechtzeitig abgeschlossen war.

Sicherlich wissen noch viele aus der Gemeinde sich zu erinnern, daß die Feier des 60jährigen Bestehens des Gotteshauses durch drei Vorträge mit Diskussion in der Kirche eingeleitet wurde:

Mittwoch, 18. Oktober 1967
19.30 Uhr Eucharistiefeier, anschließend Vortrag von Dr. W. Czapiewski: ,,Was heißt glauben?"

Donnerstag, 19. Oktober 1967
19.30 Uhr Eucharistiefeier, anschließend Vortrag von Dozent A. Beckmann: ,,Wie frei ist das Gewissen des Christen?"

Freitag, 20. Oktober 1967
19.30 Uhr Wortgottesdienst, anschließend Vortrag von Dr. J. Schulte: ,,Warum Kirche?"

lm März 1968 wurde ein neuer Tabernakel in der Apsis der Kirche unter dem neuerrichteten Baldachin aufgestellt.

Eine personelle Neubesetzung des Kindergartens war Anlaß zu einer gründlichen lnstandsetzung des gesamten Gebäudes.

Da die spanischen Schwestern trotz mehrmaliger amtlicher Zusage ausgeblieben waren, faßte der Kirchenvorstand den Beschluß, das neue Schwesternhaus -1 . und 2. Etage - dem Josefshospital Sterkrade für die Unterbringung von Krankenpflege-Schülerinnen anzubieten. Für ein paar Jahre war es also Heimstatt für die Schwesternschülerinnen, aber am 1. März 1969 wurde das Schwesternhaus geräumt und dem Slowenenpriester Kpl. Skraba als Slowenenzentrum zur Verfügung gestellt. Über den Verbleib der im Gebäude befindlichen Nähstube wurde noch nicht endgültig entschieden.

Pfarrer Paul Heitvogt übernimmt die Gemeinde

Man kann mit Fug und Recht sagen, daß in den 60er Jahren während der fast 10-jährigen Tätigkeit von Pfarrer Scheulen manches durchgeführt und in die Wege geleitet worden ist.

Am 5. April 1968 ernannte der Bischof von Essen Paul Heitvogt zum neuen Pfarrer an Herz-Jesu, der mit den Verhältnissen im Dekanat gut vertraut war, hatte er doch mehrere Kaplansjahre in St. Josef Buschhausen ver-bracht. Durch den Stadtdechant Knappmann wurde Pfarrer Heitvogt in einem Festhochamt am 19. Mai 1968 in sein neues Amt eingeführt.

Kirchenvorstand läßt Kaplanswohnung bauen

Da Pastor Heitvogt auf die obere Etage seines Pfarrhauses verzichtete, faßte man im Kirchenvorstand den Beschluß, zugunsten einer Kaplanswohnung mit Haushalt einen entsprechenden Umbau zu gestalten. Zu diesem Zwecke sollte das Treppenhaus vom Erdgeschoß abgetrennt und ein separater Eingang von der Oskarstraße her geschaffen werden. Nach Plänen der Architekten Funke und Craemer wurde mit den umfangreichen Umbauarbeiten begonnen; Pfarrer Heitvogt wohnte während dieser Zeilin einem Raum des neuen Schwesternhauses. Mitte Juli waren die Umbau- und Renovierungsarbeiten abgeschlossen, so daB der Pfarrer sein Pastorat einrichten und beziehen konnte.

Als im November gleichen Jahres Schwester Annilde, die 10 Jahre in der Pfarre als ambulante Krankenschwester tätig war, zur Gaesdonck versetzt wurde, beschloß der Kirchenvorstand die Anstellung einer neuen Gemeindeschwester. So sehr der Weggang der beliebten Annilde von vielen Pfarrangehörigen bedauert wurde, war mit Schwester Huberta eine Nachfolgerin gefunden worden, die in gleicher Weise aufopferungsbereit die Kranken pflegte und Sterbenden in der letzten Stunde beistand.

Hier ist zu erwähnen, daß Schwester Huberta auch heute noch ihren Krankendienst ausübt, allerdings nicht mehr als unsere Gemeindeschwester, sie ist der Sozialstation unterstellt.